Wir schreiben eine laue Sommernacht im Jahr 1998. Die Braubacher sind nach Grillfeiern und Gartenfesten am Samstagabend größtenteils längst im Bett. Nur in wenigen Häusern brennt noch Licht. Kurz vor der Morgendämmerung zerreißt das Schrillen der Sirene den Frieden der Nacht.

Sirenenschrillen im Morgengrauen

Gegen 4:20 Uhr entdeckt der Wirt des ehemaligen Gasthauses „Vier Jahreszeiten“ einen Feuerschein im Haus. Sofort alarmiert er die Feuerwehr. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nicht klar, dass sich aus dem anfangs gemeldeten Kellerbrand einer der größten und brisantesten Einsätze der Wehrgeschichte entwickeln wird.

Der Brand des ehemaligen Gasthauses „Vier Jahreszeiten“ im Herzen der Braubacher Altstadt liegt nunmehr 23 Jahre zurück. Auch wenn die Katastrophe mehr als 20 Jahre her ist, erinnert der Anblick der heute noch stehenden Brandruine viele Menschen an die Nacht vom 22. auf den 23. August 1998.

So manchem Kameraden, der damals selbst im Einsatz war, steigt heute vor Ort noch der Geruch von Ruß und Brandrauch in die Nase. Grund genug, einige unserer Veteranen zu Wort kommen zu lassen, die auch damals schon im Einsatz waren.

Tanklöschfahrzeug vor dem Hintergrund der Gaststätte "Vier Jahreszeiten" (Quelle: Rheinzeitung)

„Der größte Gebäudebrand seit 1984“

Beginnen wir mit der Perspektive unseres langjährigen Jugendwarts und Atemschutzgerätewarts der VG Braubach sowie der VG Loreley Florian Gerkens: „In der Nacht vom 22. auf den 23. August 1998 wurde die Freiwillige Feuerwehr Braubach zu einem Kellerbrand in die Altstadt gerufen. Dass sich dieser Einsatz zum größten Gebäudebrand seit 1984 entwickeln würde, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen.

In der Schlossstraße, innerhalb der Altstadt und nahe des Brandobjekts, wurde das Tragkraftspritzenfahrzeug-Wasser (TSF-W) positioniert. Vor dem Bahndamm an der B42 kam das Tanklöschfahrzeug (TLF 16/25) in Stellung. Schließlich fand sich dort auch das Tragkraftspritzenfahrzeug (TSF) ein.

Zunächst konnte der Kellerbrand erfolgreich gelöscht werden. Der Schnellangriffschlauch des TSF-W war seinerseits noch ein probates Mittel. Jedoch machte eine zunehmende und für die Feuerwehr unerklärliche Wärme- und Rauchentwicklung im Gebäude den Einsatzkräften zu schaffen.“

Abgebrannter Dachstuhl des Gasthauses "Vier Jahreszeiten" (Quelle: Rheinzeitung)

Groß angelegte Evakuierung war nötig

„Zu diesem Zeitpunkt lief die Evakuierung der Wohnungen und des Gastronomiebetriebes des über 400 Jahre alten Hauses. Nun trafen auch die zu Hilfe gerufenen Nachbarwehren aus Lahnstein, Osterspai und Dachsenhausen ein. Später kamen noch die Freiwilligen Feuerwehren Filsen und Kamp-Bornhofen dazu.

In dieser Phase des Einsatzes musste, wie zuvor erwähnt, das Gebäude vollständig evakuiert werden, der Einsatz auf einen ausgiebigen Innenangriff umgebaut und der Grund für die Wärme- und Rauchausbreitung erkundet werden. Das TSF-W wurde zunächst von einer alten 80er Stichleitung gespeist.“

„Wir kämpften auf verlorenem Posten“

Erwähnenswert ist der Umstand, dass die Feuerwehren der ehemaligen Verbandsgemeinde Braubach zu diesem Zeitpunkt noch mit den orangenen Baumwollblousons ausgestattet waren. Die neuen HuPF-Jacken aus Aramidfasern hielten erst im Herbst des Jahres 1998 Einzug in die Einheiten der VG. Allerdings benutzten die Wehren seit 1996 Atemschutzgeräte mit Überdruckfunktion.

Zwischenzeitlich hatte sich der nicht zugängliche Hochspeicher thermisch so aufbereitet, dass die Durchzündung unmittelbar bevorstand. Aufgrund der noch unzureichenden Wasserversorgung sowie dem geringen Standard der persönlichen Schutzausrüstung musste der Innenangriff abgebrochen werden. Wir kämpften auf verlorenem Posten.“

Abgebrannter Dachstuhl von Norden her. (Quelle: Rheinzeitung)

„Da ist mir das Herz ganzschön in die Hose gerutscht“

Unser langjähriger Gerätewart und Brandschutzerzieher Michael Brack war ebenfalls an vorderster Front und berichtet vom Innenangriff im Hotel Vier Jahreszeiten. „Ich war gemeinsam mit einem erfahrenen Trupp-Partner im Erstangriff unter Atemschutz im Gebäude.

Ehrlicherweise war es sogar mein erster Großbrand von diesem Ausmaß. Unsere Aufgabe war es, die Wohnungen zu kontrollieren und darin befindliche Menschen zu evakuieren. Glücklicherweise haben sich in den Wohnungen keine Menschen mehr befunden. Trotz schwerer Bedingungen konnten wir aber einige Haustiere retten. Darunter mehrere Wellensittiche.

Noch während wir im Gebäude waren, kam plötzlich über Funk der Befehl „Sofort raus! Sofort raus!“ Ich höre es heute noch, als wäre es gestern gewesen. Da ist mir das Herz ganzschön in die Hose gerutscht. Das Einzige, was mir damals durch den Kopf ging, war: „Nichts wie raus hier!“ Das Treppenhaus war immerhin rauchfrei.

Endlich draußen angekommen, haben wir den Brandabschnitt an der Schlossstraße übernommen, wo wir später abgelöst wurden. Noch viele Wochen später bin ich jedes Mal zusammengezuckt, wenn in Braubach die Sirene gegangen ist. Und als wäre das noch nicht genug gewesen, kam es wenige Tage später zu einem Hotelbrand in Kamp-Bornhofen. Auch hier war die Feuerwehr Braubach wieder im Einsatz.“

Brandruine der Gaststätte "Vier Jahreszeiten" heute, über 20 Jahre nach dem Brand.

„Das Feuer konnte auf ein Gebäude begrenzt werden“

Wie Florian Gerkens zu berichten weiß, kam der Rückzug keinen Moment zu früh: „In diesem Moment kam es unter hörbarem Getöse zur Durchzündung im Bereich des Speichers und eine über 8 Meter hohe Flamme stand über dem Dachfirst. Es erfolgte nun ein massiver Außenangriff. Die Bahnstrecke wurde gesperrt und stromlos geschaltet. Vom Bahndamm aus konnten mehrere C-Rohre vorgenommen werden.

Auch das Wenderohr der Lahnsteiner DLK 23/12 war vor dem Bahndamm, an der B42 aufgebaut und trug maßgeblich zur Brandbekämpfung bei. In der Schlossstraße waren zwei B- u. zwei C-Rohre positioniert. Die angrenzenden Gebäude hatten Wasserschäden und Schäden durch die immense Wärmestrahlung zu beklagen aber das Feuer konnte auf das eine Gebäude begrenzt werden.“

„Das Löschwasser lief ca. 10 bis 15 cm hoch die Schlossstraße hinunter“

Auch unser ehemaliger Wehrführer Thomas Mager war in dieser einschneidenden Augustnacht am Brandort: „Ich kam zu diesem Einsatz erst zu einem späteren Zeitpunkt. Als ich an der Einsatzstelle an der Gaststätte „Vier Jahreszeiten“ ankam, waren außer uns bereits viele Feuerwehrkameraden aus der VG Braubach, Lahnstein und von der BF Koblenz vor Ort, um vom Bahndamm aus das Feuer zu löschen.

Der Strom der Eisenbahn war da natürlich schon abgeschaltet. Das Löschwasser lief ca. 10 bis 15 cm hoch die Schlossstraße hinunter in Richtung Marktplatz. Vor den Garagen neben dem Haus am Fels bauten wir dann eine Riegelstellung auf, um das Ausbreiten des Feuers in Richtung Marktplatz zu verhindern.

Weitere Riegelstellungen waren in Richtung Philippsburg aufgebaut, um das Ausbreiten des Feuers in diese Richtung zu verhindern. Zwischenzeitlich war die abgeschaltete Stromleitung, die im Bereich der Altstadt über die Dächer verläuft, durchgebrannt.

Leider konnte es von uns allen nicht verhindert werden, dass der komplette Dachstuhl inklusive der darunterliegenden Wohnungen sowie Teile des Treppenhauses abbrannten. Die Ausbreitung des Feuers auf die anliegenden Häuser der Altstadt konnte aber erfolgreich verhindert werden,“ so Thomas Mager.

Vernagelte und gesicherte Fassade des Hotels "Vier Jahreszeiten" aus der Schlossstraße heraus betrachtet.

Kein Personenschaden aber 1 Mio. DM Sachschaden

Die eigentlichen Löscharbeiten gestalteten sich schwierig und dauerten bis weit in den Sonntag hinein. Auch am darauffolgenden Montag waren weitere Arbeiten notwendig, da aufkommender Wind einzelne Glutnester wieder aufflammen ließ. Über die Ursache für die explosionsartige Brandausbreitung rätselte man längere Zeit.

Dazu erinnert sich Florian Gerkens: „Nach dem Einsatz stellte sich heraus, dass in dem ehemaligen Marstallgebäude des Schlosses Philippsburg ein alter Schacht sämtliche Stockwerke vom Keller bis zum Speicher verband. Über diesen Wurfschacht wurden ursprünglich die Pferde mit Heu und Stroh versorgt. Dies war letztendlich die Ursache für die unerklärliche Brandausbreitung innerhalb des Hauses.“

Unter dem Strich ging einer der prägendsten Einsätze der Freiwilligen Feuerwehr Braubach nach dutzenden Stunden zu Ende. Dass keine der evakuierten 50 Personen zu Schaden kam, war dem beherzten Eingreifen der über 100 Einsatzkräfte zu verdanken. Dennoch stand am Ende des Tages ein Sachschaden in Höhe von rund 1 Million D-Mark und ein Einsatz, der in die Annalen der Feuerwehr Braubach eingehen sollte.

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